Erfahrungsbericht Magdalena

Meine Tochter ist ein Beckenendlagen Kind gewesen. In dem Krankenhaus, in dem ich unbedingt entbinden wollte, wurde nur eine Sectio bei Erstgebärenden angeboten. Da der Sectio Termin meinem Entbindungstermin entsprach, beschloss ich, diesen Weg zu wählen, in der Hoffnung, dass sie sich ohnehin frühzeitig auf den Weg machen würde und somit selbst den Startschuss geben würde.

Mutter und Kind nicht bereit

So war es auch. Nach 7 Stunden Wehen, folgte eine Sectio. Ich hörte das Schreien meines Kindes und wusste: Ich bin noch nicht bereit- und sie war es auch noch nicht. Nicht bereit sein, damit meine ich nicht reif für ein Kind zu sein, oh nein, das war ich! Aber ich spürte diese Unvollkommenheit. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, wie recht hatte. Das meine Tochter anders war als andere Neugeborene, bemerkte ich sehr früh. Sie war gerade mal ein paar Stunden alt und mir viel auf, dass sie ihre gesamte Umgebung beobachtete, ohne wirklich sehen zu können. Sie schien alles in sich aufnehmen zu wollen. Verhält sich so wirklich ein Neugeborenes? Fragte ich mich.

Fremdeln von Beginn

Sie fremdelte von Anfang an. Ein Schlüsselerlebnis für mich war, wie eine Krankenschwester versucht sie zu wickeln- sie schrie wie am Spieß. Mein Mann, der noch nie ein Baby gewickelt hatte, stellt sich neben die Krankenschwester: „Darf ich das machen?“Sie schaut ihn an und meint „Bei Ihnen wird sie auch weinen“. Mein Mann schubst sie beiseite und berührt unser Baby. Er streichelt es und sagt: „Es ist alles gut, Papa ist doch da!“ Sie hört sofort auf zu weinen, während sich die Krankenschwester wundert. Dieses Erlebnis, soll sich wie ein roter Faden durch die nächsten Monate ziehen. Sie hasst es von Fremden angefasst zu werden. Sie schläft wenig und unruhig. Erst als ich sie in mit in mein Bett nahm, schläft sie recht friedlich. Ich erntete von Den Schwestern nur abwertende Blicke. Eine meinte sogleich, dass sich die Kleine ganz schnell daran gewöhnen werde. Das war mir egal. Ich hatte keinerlei Ahnung von den Bedürfnissen eines Säuglings. Aber es fühlte sich in dem Moment richtig an. Ich bin froh mich so entschieden zu haben!

Probleme zuhause

Wir waren erst 2 Tage zu Hause und probten den Alltag mit einem Neugeborenen, da wurde meine Tochter mit einem Helicopter ins Kinderkrankenhaus eingeliefert, weil sie, nachdem sie sich an Erbrochenem verschluckte, kaum ein Lebenszeichen von sich gab. Ein Albtraum, der seien Höhepunkt am zweiten Aufenthaltstag um 20Uhr fand. Sie schrie die Nacht über durch. Über 7 Stunden, ohne Pause. Ich stillte ununterbrochen, und war nervlich und auch körperlich am Ende. Glücklicherweise war mein Mann zur Unterstützung da, auch wenn er unsere Kleine nicht beruhigen konnte. Diese Nacht lag sie weintend auf meiner Brust, während ich versuchte sie durch monotone Geschichten in das Land der Träume zu katapultieren, mein Mann schlief- unsere Kleine jedoch nicht.

Wieder zu Hause, weinte sie exakt um die gleiche Uhrzeit für mehrere Stunden. Es war nervenaufreibend. Wir wussten nicht weiter. Ich äußerte nun das erste Mal vor meiner Hebamme meine Sorge darüber, ein Schreikind zu haben. Meine Hebamme wusste wohl, dass es so war, versuchte aber zu beschwichtigen, sie sei noch zu klein, um von einem Schreikind zu sprechen.

Ich stillte sie jede Stunde. Sie schlief auch nur an der Brust. Das letzte mal schlief sie im Krankenhaus in einem Bettchen, anschließend nie wieder. Ich schlief im Sitzen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich begann mit meinem Schicksal zu hadern. Warum wir? Warum musste ausgerechnet bei uns immer alles so schwierig sein? Ich wünschte mir meine Tochter dahin, wo sie meiner Meinung nach hingehörte, in meinen Bauch! Ich beneidete alle Schwangeren, denn ich hatte das Gefühl meine Schwangerschaft nicht beenden zu dürfen.

Das Verhalten meiner Tochter bestätigte mich. Ich fühlte, sie war einfach noch nicht für diese Welt gemacht: Sie ertrug keine Farben und Muster. Sie sah sich alles gerne an, aber konnte sich scheinbar nicht abwenden wenn es ihr zuviel wurde. Sie weinte. Wenn wir mit ihr spielten hatte sie Spaß- nach kurzer Zeit weinte sie. Alles musste ganz reizarm sein. Jedes Geräusch störte sie. Anfangs schlief ich mit ihr in unserem Ehebett. Aber sie ertrug es nicht- es knarrte wenn ich mich bewegte. Also zogen wir ins Wohnzimmer und schliefen fortan auf dem Sofa. Ich mal wieder im Sitzen…

Mit dem Baby alleine

Nach 4 Wochen musste mein Mann wieder zur Arbeit und ich sah mich schon scheitern. Ich hatte unglaubliche Angst mit ihr allein zu sein. Weinte sie doch mehrere Stunden am Tag. 3 Tage später dann die Rettung: Ich kaufte einen Manduca. Fortan trug ich sie 22h am Tag am Körper. Sie liebte es- ich auch! Der Manduca gab uns beiden dass, was uns fehlte. Sie hatte nun eine ‘Gebärmutter mit Aussicht’ und ich hatte das Gefühl wieder schwanger zu sein. Als meine Tochter 3 Monate alt war, haderte ich nicht mehr- ich akzeptierte die Situation wie sie war und war in meinem Muttersein angekommen. Ich beneidete nun auch keine Schwangeren mehr!

Diese Entwicklung ist sehr interessant, auch von dem Gesichtspunkt her, dass der Mensch als physiologische Frühgeburt gilt, der im Laufe der Evolution aufgrund der zunehmenden Gehirnmasse und dem somit größerem Kopf, ‘zu früh’ geboren werden musste, um ein Überleben der Spezies zu gewährleisten. Denn jeder spätere Zeitpunkt hätte zum Feststecken des Kopfes im Geburtskanal geführt. Ein 3 Monate altes Baby kann  sozusagen als reifes Baby benannt werden, weswegen man die Zeit vor dem dritten Monat, gerne auch als 4. Trimenon bezeichnet. Diese Annahme deckt sich absolut mit meiner Erfahrung!

Probleme innerhalb der Familie

Durch den Manduca wurde das Schreien zwar etwas weniger, aber der Hang zur Überreizung blieb bestehen. Meine Tochter schrie immer noch mehr als alle anderen Kinder, auch der Besuch beim Osteopathen brachte nicht den gewünschten Erfolg. Mit einem normalen Arzt brauchte man über dieses Thema garnicht erst zu sprechen, man wurde nicht wirklich ernst genommen. Eher als überempfindliche Erstlingseltern abgestempelt. Auch das Umfeld reagierte teilweise negativ. Gut gemeinte Ratschläge habe ich nur allzu oft gehört und ebenso häufig verflucht. Der Vorwurf, wir seine Schuld, weil wir unsere Kleine mit Körperkontakt ‘verwöhnten’ war omnipräsent. Keiner von ihnen hatte auch nur die geringste Ahnung was es heißt ein Schreikind zu haben und  mit wieviel Verzicht und Aufopferung sie zusammen hing. Es führte letztlich zum Bruch eines Familienteils, da wir nicht gewillt waren unsere kostbaren Energien in Menschen zu investieren, die uns scheitern sehen wollten.

Zumal unsere Kleine auf Besuch ohnehin am heftigsten reagierte. Ich erinnere mich, dass sie nach dem Besuch meiner Freundin 3 Tage und 3 Nächte weinte- aber erst dann, als meine Freundin unsere Wohnung verlies. Als hätte sich meine Tochter vorher nicht getraut ihrer Überreiztheit Ausdruck zu verleihen.

Baby vom weinen ablenken?

Wir trugen sie mehrmals am Tag in den Schlaf, aber sie brauchte unwahrscheinlich Lange, wir mussten ganze Tänze veranstalten um sie zu beruhigen, denn sie weinte viel vor dem Schlafen. Bei Recherchen im Internet stieß ich auf ein Buch, dessen Klappentext mich sehr provozierte. Es hieß ‘es sei falsch Kinder von ihrem Weinen abzulenken, durch stillen etc. man würde es dadurch nur noch verschlimmern!’ Ich las dieses Buch von Aletha J. Solter: Es war eine Offenbarung! Ich wollte es versuchen. Frau Solter war der Meinung, ein Kind weine nicht einfach so, es müsse etwas verarbeiten und man solle es weinen lassen- selbstverständlich nicht allein, dieses Buch reiht sich nicht in die modernen Foltermethoden für Kinder a la ‘Jedes Kind kann schlafen lernen’ ein. Nein, sondern in den Armen der Eltern. Ich setzte mich also mit ihr hin und ließ sie sich in meinen Armen  ausweinen. Sie suchte immer wieder Blickkontakt, als würde sie mir etwas erzählen wollen. Als sie aufhörte zu weinen, schlief sie ganz fest. So fest hat sie noch nie zuvor geschlafen! Ich hielt sie im Arm und ich spürte, wie eine unsagbar große Last von ihr abfiel. Es war unbeschreiblich! Ich teilte in diesem Moment ihre Gefühle. Und ich wusste: Ich tat das Richtige. Bis zu diesem Zeitpunkt, war das eines meiner innigsten Erlebnisse mit ihr.

Wir führten die Methode weiter fort. Ganz interessant ist auch, dass unsere Tochter vor dem Ausweinen, immer kurz bevor sie einschlief, aufschrie, um nach ihrem Schnuller zu verlangen. Frau Solter nennt das ein ‘Kontrollmuster’, welches zum Unterdrücken des Weinens ‘erschaffen wurde’. Seitdem wir sie ausweinen lassen, hat sie ihren Schnuller NIE WIEDER angerührt.

Das Weinen besserte sich von Woche zu Woche. Aber auch wir waren bemüht, alles zu tun, damit sie sich wohl fühlt. Dann fand ich über ein weiteres Buch heraus (ja, ich lese viel) das meine Tochter zwar ein Schreikind war, es der Begriff Hochsensibilität aber viel besser traf. Sie zeigte alle Anzeichen. Es heißt, dass Hochsensibilität eine Gabe sei, die das Kind später sehr emphatisch und gewissenhaft werden lässt. Wenn meine Tochter doch blos schon etwas älter wäre… Ich empfand ihre Hochsensibilität als schier unlösbare Aufgabe, obgleich ich froh war, dass ihr Verhalten endlich einen Namen hatte! Witziger weise deckt sich die Anzahl der hochsensiblen Babys mit der Anzahl der Schreikinder. So dass man davon ausgehen kann, dass Hochsensibilität der Grund des Schreien ist. (Elaine Aaron, Das hochsensible Kind).

Auf das eigene Gefühl hören

Intuitiv machten wir schon alles richtig: reizarme Umgebung, Besuche nur einmal die Woche für max. 1h, wobei unsere Tochter gestillt und geschlafen haben musste. Häufige Tagschläfchen, am Körper tragen, KEINE Trennung von der Bezugsperson. Sie schlief Nachts ca. 9h und Tagsüber alle 2h, offenbar musste sich ihr Gehirn regenerieren. Sie ermüdete sehr schnell. Zum Thema Trennungsangst, was bei unserer Tochter sehr ausgeprägt war/ist. Möchte ich im Anschluss noch eine kleine Anekdote erzählen!

Als sie 6 Monate alt war, fühlte ich mich ausgebrannt. Ich stillte jede Stunde (Nachts) und sie war sehr unruhig. Ich stand weinend vor dem Bett meines Mannes, er begriff sofort, nahm die Kleine und trug sie in den Schlaf. Sie schlief bei ihm 5 Stunden am Stück! Und bei mir immer nur eine… Endlich konnte ich Schlaf nachholen. Schlafen im Bett- ich hatte vergessen wie sich das anfühlte…Ich litt in dieser Nacht unter quälenden Albträume, war ich doch noch nie so viele Stunden von meiner Kleinen getrennt gewesen.

Fortan half mein Mann jede Nacht aus, 3 Monate lang! Es gab Tage, da wollte sie nur von mir getragen werden. Ich nannte das meine ‘Monopol Stellung’. Es war schlimm, denn das erschöpfte mich noch mehr. Diese Zeit lag wie  ein bleiernder Schatten auf meinen Schultern.Zu diesem Gefühl gesellte sich das Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Einsamkeit, die aus der selbstgewählten Isolation herrührten . Es kamen Schlafstörungen hinzu- ich lag meist mehrere Stunden wach. Zum Schluss wurde mein Tinitus wieder aktiv.

Andauernde Unzufriedenheit beim Baby

Sie war unleidlich, nichts gefiel ihr. Sie war sehr anstrengend, Tag wie Nacht. Erst als sie sitzen konnte wurde es etwas besser. Aber dann begann das Schreien, nein, es war kein Weinen, sondern ein Kreischen! Jeden Abend 2h, 8 Wochen lang. Da war sie 8 Moante alt. Hier half auch Frau Solters Methode nicht- wir mussten einfach durchhalten! Dann erkannten wir, warum sie so kreischte: Wir hatten einen ganz festen Rhythmus, mit festen Abläufen und Ritualen. Abends war sie ca. 2,5 wach, so wie immer, und wurde dann im Manduca schlafen geschickt. Das funktionierte so 7 Monate lang. Mal brauchte sie eine halbe Stunde um einzuschlafen, in der Regel musste ich aber 1h mit ihr durchs Zimmer wandern. Mittlerweile waren wir in ihrem Kinderzimmer. Meine Knochen ertrugen das Sofa nicht mehr. Wir haben ein Tag-Bett gekauft und ich schlief mit ihr im Kinderzimmer- seitdem sie 8 Monate alt war, konnte ich sogar im Liegen schlafen, wenn ich sie in den Schlaf stillen konnte. Nur aufstehen durfte ich nie. Sie hielt sich mit ihren Händchen an meinen Bademantel fest und umklammerte mich mit ihren Beinchen. Sollte ich es doch schaffen, aus dieser Position ‘zu entkommen’ schlug sie sofort die Augen auf, nach dem Motto ‘WO WILLST DU HIN??’…Es stellte sich nun heraus, dass sie nach 8 Monaten ihren Rhythmus ändern wollte. Sie brauchte Abends eine Wachzeit von 4 Stunden. Als wir das erkannten, war das Schlafenschicken reibungsloser, gekreischt wurde auch nie wieder.

Nach 12 Monaten…

Und jetzt? Meine Tochter ist heute 12 Monate alt. Viele Dinge sind besser, andere Dinge sind gleich. Ich trage sie noch immer in den Schlaf, Morgens, Mittags, Abends. Es ist  nicht zu vergleichen mit früher. Noch vor ein paar Monaten mussten wir sie 8(!) Mal tragen.

Ab und an, kann ich sie Vormittags in den Schlaf stillen- und dann aus dem Zimmer gehen. In der Regel funktioniert das leider nicht. Es bleibt die Ausnahme.

Sie ist sehr krüsch und isst kaum. Gemüse verweigert sie fast vollständig, akzeptiert wird morgens ein halbes Gläschen Obst-Getreide-Brei. Ihr Essen muss sie befühlen, ansonsten isst sie es garnicht. Die Küche sieht aus wie ein Schlachtfeld. Um uns Arbeit zu ersparen, haben wir Zeitung ausgelegt, damit es mehr oder weniger sauber bleibt, wenn sie mit Essen wirft. Ich habe es aufgegeben selber zu kochen, da ohnehin das Meiste im Müll landet.

Somit stille ich noch sehr viel. Tagsüber will sie im Sitzen trinken, sie hasst es zu liegen, sie hasst es gewickelt zu werden. Sie wird schnell wütend und bekommt Tobsuchtsanfälle. Sie lacht aber auch viel und ist sehr fröhlich. Leider schlägt das schnell um und dann wird sie weinerlich. Nachts hat sie Albträume und weint im Schlaf. Ich bin immer da und stille auch jetzt noch Nachts alle 2 Stunden. Es bleibt anstrengend!

Allerdings sind andere Menschen  kein Problem mehr für sie, sie freut sich über Besuch- so lange ihr dieser nicht zu Nahe kommt und sie anfassen will… Das mag sie nicht. Was das fremdeln angeht, hat sie erstaunliche Fortschritte gemacht. Es hängt sicher damit zusammen, dass wir ihre Bedürfnisse immer respektiert haben und sie an ungewohntes oder ungeliebtes sehr vorsichtig herangeführt haben. So konnten wir sie nach und nach an den verhassten Kinderwagen und das ebenso unliebsame Autofahren gewöhnen. Wir haben eine exzellente Bindung aufbauen können. Darauf bin ich wirklich stolz.

Kleiner Exkurs

Durch ihre extreme Trennungsangst, zeigt meine Tochter, dass sie zu tiefen Bindungen fähig ist. Dazu eine kleine Anekdote:

Meine Tochter war 8 Monate alt, es war ein Tag wie immer. Ich stillte mein Kind, als sie mich mit durchdringendem Blick ansah. Ich fuhr innerlich zusammen: Sie weiß es! Sie weiß, dass mein Mann Urlaub hat und ich während er sie in den Schlaf trägt, ENDLICH einmal wieder shoppen gehen wollte. Wobei ’shoppen gehen’ etwas übertrieben war. Ich hatte ungefähr 2 Stunden Zeit, davon waren allein eine Stunde (hin- und zurück) Fahrtweg, somit blieb mir eine Stunde, auf die ich mich aber wirklich sehr freute. Nachdem ich ihr Schlaflied sang und sie meinem Mann übergab, machte ich mich mit leisen Sohlen von dannen! Zuvor sagte ich meinem Mann noch: „Ich habe mein Handy dabei, falls was ist“ er meinte nur „es wird nichts sein“- ich sollte Recht behalten…

Ich fixierte die Uhrzeit und war stolz, dass ich den Fahrtweg in kürzester Zeit hinter mich gebracht habe und steuerte nun voller Vorfreude mein Ziel an- das Modehaus einer großen schwedischen Kette! Ich schaute gerade mal 5min. Nach Klamotten,  da ging auch schon mein Handy. Mein Mann sagte, sie habe nur 5min. geschlafen. Sie würde wissen, dass ich nicht da bin. Aber es sei alles gut, er komme klar. Ich versprach schnellstmöglich nach Hause zu kommen und begab mich Richtung Umkleide. Er beschwichtigte, ich habe mich so sehr auf diesen Tag gefreut, ich solle ihn genießen. Nachdem ich die Umkleide verließ, wollte ich noch schnell in die Babyabteilung, und raffen, was möglich war- ich wusste die Zeit würde knapp. Weitere 5min. später klingelte mein Handy erneut. Diesmal weinte die Kleine nach mir. Ich stand bereits an der Kasse und hoffte schmellstmöglich diesen Laden verlassen zu können, hatte aber nicht mit dem , in Zeitlupe arbeitenden Verkäufer gerechnet. Während ich mich fragte, wer blos solche Leute einstellen würde, wurde ich schon unruhig, während er gemütlich Artikel für Artikel einscannte. „Mein Baby weint!“ gängelte ich ihn. Er musste ja nicht wissen, dass sie sich nicht in unmittelbarer Nähe befand. Das zeigte Wirkung! Er meinte noch trocken „Aber entsichern darf ich die Sachen noch, oder?“ „Wenn es sein muss“…antwortete ich. Als er wieder in sein ‘Slow- Motion- Muster’ zurück fiel, riss ich ihm die Tüte aus der Hand und zischte „Werfen Sie es einfach rein, für so nen Quatsch hab ich keine Zeit!!!!“ und weg war ich. Ich rannte aus dem Laden, und musste unweigerlich an  Cinderella denken, die in ähnlichem Stil um Mitternacht von ihrem Ball floh. Nur glücklicher Weise verlor ich keinen Schuh. Ich hatte derweil andere Probleme. Ich kämpfte mich durch die Menschenmenge, während ich den ein oder anderen beiseite boxte, der es sich  das nächste Mal wohl besser überlegen wird, sich einer in Hysterie befindlichen Mutter in den Weg zu stellen…Weitere 5min. waren vergangen. Mein Mann schrieb eine SMS „Bitte komm nach Hause, wir brauchen dich“, ich war dabei. Leider fuhr der Bus ohne mich. Und während Cinderella in einer prachtvollen Kutsche davoneilte, stieg ich in ein mir ebenso prachtvoll erscheinendes Taxi.

Zu Hause angekommen, rannte ich durch die Wohnungstür, zu meinem Kind, das außer sich vor Freude war mich zu sehen. Mir liefen die Tränen. Ich war gerade mal 45min. von ihr getrennt, ich hatte Hunger, Durst und eine Toilette hätte ich auch nett gefunden. Aber ich nahm mein Baby, schnallte es in den Manduca und musste noch eine Weile laufen bevor sie selig einschlummerte. Der vermeintlich schönste Tag im Urlaub meines Mannes, mutierte zu einem der anstrengendsten. Shoppen gehe ich fürs erste nicht mehr!

Abschließend wünsche ich uns, Müttern von Schreikindern, viel Kraft und das uns die Evolution zukünftig mit einem Beutel- ähnlich wie bei einem Känguru, bedenkt. Das hätte den Vorteil, dass man sich schon in der Schwangerschaft auf diese schwierige Leben einstellen und dass sich das Kleine nach der Geburt in den Beutel zurückziehen könnte. Wenn es bereit für die Welt ist, kommt es einfach aus seinem Beutel geschlüpft, wenn es ihm Zuviel wird, zieht es sich einfach wieder dahin zurück. Traumhaft- für beide Seiten!