Erfahrungsbericht Jenny

Emilia kam vor 5 Jahren nach einer langen, schweren Geburt zur Welt. Im Krankenhaus schlief sie noch recht gut, aber kaum waren wir zu Hause änderte sich das. Da es mir die ersten Tage nicht so gut ging, waren wir mit unserem Baby meist zu Hause. Nach zwei Wochen bin ich dann mit dem Kinderwagen zum Einkaufen, und da fing es an. Als wir wieder zu Hause waren, schrie Emilia 2 Stunden und ließ sich einfach nicht beruhigen. Und so erging es ihr immer wenn wir irgendwo waren, wo sie fremd war. Als ich einmal meine ehemalige Arbeiststelle besuchen wollte, Emilia war mittlerweile 10 Wochen, ist sie im Auto eingeschlafen. Als sie dort aufwachte, in einem fremden Raum, 5 fremde Leute um sich, war es vorbei. Sie schrie, bis sie keine Luft mehr bekam.

Baby sehr empfindlich

tundenlang bin ich mit ihr durch die Wohnung gelaufen, Schlaf gab es auch nachts nur 2-3 Stunden am Stück, jedes Geräusch weckte sie auf. Viele Freundschaften litten darunter, daß ein Treffen nicht immer möglich war, denn war Emilia zur “gewohnten” Mittagsschlafzeit oder abends nicht rechtzeitig zu Hause im Bett, schrie sie stundenlag. Auch größere Geburtstagsfeiern waren nicht möglich, denn zu viele Leute brachten unser Kind aus der Ruhe.

Nur ein Ereignis von vielen: Als sie 8 Monate war, waren wir in Bremen zur Taufe meines Patenkindes. Auf der 7-stündigen Fahrt war alles ok, auch als wir in die fremde Wohnung kamen war scheinbar alles in Ordnung, aber als ich sie abends zum schlafen ins Reisebett legen wollte, war es vorbei. Sie schrie 4 Stunden lang, ohne Pause, bis ich mit ihr im Kinderwagen auf der Straße spazieren ging, um sie erst mal wieder ein bißchen zur Ruhe zu bringen. Einzig beim Babyschwimmen war mein Kind wie ausgewechselt. Sie war im Wasser total entspannt, auch die Geräusche und die vielen Leute machten ihr nichts aus.

Macht man selbst was falsch?

Lange Zeit war ich sehr verzweifelt, und überlegte immer nur, was sich wohl falsch machen würde. Gott sei Dank haben wir einen sehr sehr guten Kinderarzt, der uns nach gründlicher Untersuchung erklärte, daß wir gar nichts falsch machen, und unser Kind gesund ist. Er hat uns erklärt, daß es Babys gibt, die so sensibel sind, daß es ihnen schnell zu viel wird und sie dann schreien.

Aber auch mit dieser Erklärung ist es nicht immer leicht, das alles auszuhalten, manchmal wäre ich am iebsten davongelaufen. Es gab Momente in denen ich nachfühlen konnte, warum Mütter ihrem Kind in so einer Situation etwas antun. Gott sei Dank geriet ich nie in diese Situation, aber manchmal habe ich sie schreiend in ihr Bett gelegt, mich in ein anderes Zimmer gesetzt und auf mein Kissen eingeboxt, weil ich nicht mehr konnte. Und nach 5 Mnuten war sofort das schlechte Gewissen wieder da.

Ersten Jahre sehr schüchtern

Auch als Kleinkind blieb Emilia ein sensibles Kind, dem schnell alles zu viel wurde. Und auch heute noch hat sie “Bauchweh”, wenn sie aufgeregt ist, oder Kummer hat.
Im Kindergarten gab es sie ersten zwei Jahre täglich Tränen, durchsetzen konnte sie sich überhaupt nicht. Sie traute sich selbst wenig zu, im Stuhlkreis hat sie sich nie getraut, etwas zu sagen.

Letztes Jahr hab ich nach einem Gespräch mit der Erzieherin mit meinem Kinderarzt gesprochen. Er begleitet uns schon, seit sie ein Baby ist, und hat uns eine sehr gute Heilpädagogin empfohlen. Seit einem halben Jahr geht Emilia dort hin und ist ein Stück sicherer geworden. Sie ist nun nicht mehr so ängstlich, kann sich auch mal durchsetzen und ist auch selbstbewußter geworden.  Auch im Kindergarten weint sie nur noch selten.

Trotz allem hat sie ihre sensible Seite behalten, und das ist auch gut so. Emilia sieht, wenn es anderen nicht gut geht und sie ist immer bereit zu helfen. Als sie 4 Jahre alt war, kam sie selbst auf die Idee, ihr Puppenhaus den “armen Kindern” zu schenken, “weil die ja nicht so viele Geschenke vom Christkind kriegen”. Wir haben das Puppenhaus dann dem Kinderheim geschenkt. Ja, das sind die schönen Seiten an sensiblen Kindern. Sie würde nie ein Kind absichtlich verletzen, und sie steht anderen Kindern bei.

Oft mußte ich mir anhören, mein Kind sei zu verwöhnt, ich würde sie zu sehr beschützen, zu wenig zutrauen, deswegen würde sie auch immer sofort weinen, oft gab ich mir die Schuld. Im Nachhinein denke ich, daß ich es schon richtig gemacht habe, in dem ich versucht habe sie nicht zu vielen Reizen und für sie ungewohnten Situationen auszusetzen.

Allen anderen Mamas kann ich nur raten, hört auf euer Gefühl, zu viel Liebe gibt es nicht und habt keine Angst sie zu verwöhnen, das ist alles besser, als eure Kinder ständig zu überfordern.
Übrigens ist unser zweites Kind ganz anders, ein kleiner Lausbub, dem der Trubel nicht groß genug sein kann. Ich bin froh, zwei solch tolle Kinder zu haben!