Erfahrungsbericht Christine

Mein Schreibaby ist jetzt 8 Wochen alt. Wir haben im Geburtshaus entbunden, das war genau das Richtige für uns. Die ersten 2 Tage im Wochenbett daheim waren schön ruhig, er weinte nur öfter mal, ließ sich aber durch Kuscheln und Streicheln gut trösten. Er schläft natürlich mit bei uns im Bett, ich konnte mir nicht vorstellen, ihn “wegzulegen” (eigenes Bett oder gar eigenes Zimmer).

3 Monats-Koliken?

Dann fing er an, laut und ununterbrochen zu schreien, wenn er wach war; die Nachsorge-Hebamme (nicht aus dem Geburtshaus) wußte auch keinen Rat. Am 7. Tag (ich war völlig mit den Nerven am Ende und habe nur geweint) war dann der Kinderarzt bei uns und erklärte uns, dass das Kind die 3-Monats-Koliken habe, denn es grummelte und quietschte und “schäumte” immer im Bauch. Die Globuli und das Lefax brachten zunächst deutliche Verbesserung binnen 6 Stunden. Der Arzt überwies uns noch zum Osteopathen, bei dem wir 3 Tage später waren, der schloss eine körperliche Fehlstellung aus, und erklärte uns die Sache mit dem noch nicht gleich arbeitenden Dünn- und Dickdarm. Wir sollten zwischen den Stillmahlzeiten 2 Stunden Pause lassen (neue Milch auf alte Milch vermeiden) und auch jede Stillmahlzeit mit einer Pause von 20 – 30 min unterbrechen. Und nicht mehr nach Bedarf Stillen. Hm. Er zeigte uns eine kleine Bewegungstherapie, wie wir die festgesetzte Luft lockern können, so dass sie weiterbefördert wird. Nur das war halt eine Maßnahme, mit der wir die Blähungen nicht vermeiden konnten, sondern nur behandeln, wenn sie schon da sind und das Geschrei groß ist. Das Lefax hat nicht wirklich viel geholfen, nur manchmal und nur etwas.

Geschrei kaum zu ertragen

Ich konnte das Geschrei nicht mehr ertragen. Ich fühlte mich als Versagerin, vom Kind abgewiesen und weinte und schrie meistens mit. Oft warf ich irgendeinen Gegenstand (Tuch, Schnuller u.ä.) quer durchs Zimmer, oder schlug mit der Faust aufs Kissen. Ich entwickelte so starke Aggressionen in mir, dass mir unheimlich wurde. Die Hebamme konnte mir nicht helfen. Sie sagte nur, der Abstand zwischen dem Stillen solle noch größer werden. Ich habe lange überlegt, dass man doch etwas gegen das Schreien tun können muss? Ich bin einfach nicht der Typ, der Dinge so hinnimmt, wenn sie nicht passend sind. Was möchte das schreiende Kind mitteilen? Nur Bauchschmerzen? Wie kann man Blähungen vermeiden? Wie ist ein ursprünglicher, “artgerechter” Umgang mit Neugeborenen? Wie machen es die Naturvölker, wie hat die Natur es sich zu Beginn des Menschwerdens gedacht? Mein Gefühl sagte mir, dass es sicher nicht allein “rumliegen” möchte. Dass es nicht nach geregelten Zeiten gestillt werden möchte. Dass es mehr Nähe möchte.

Auf eigenes Gefühl hören

Ich hatte nichts zu verlieren und warf nach 4 Wochen das Bisherige über Bord, stille seitdem komplett nach Bedarf (Alles ist erlaubt: so oft er will, so lange er will, so ernsthaft er will: wirklich Hunger stillen oder einfach nur Trostnuckeln), habe ihn den ganzen Tag am Körper (meistens auf dem Arm oder mal in der Tragehilfe) und lege ihn nur kurz ab, wenn er tief schläft und das Ablegen erforderlich ist. Alle Bedürfnisse versuche ich sofort zu bedienen. Ab dem nächsten Tag war Ruhe. Er hatte auf einmal weniger Blähungen, später gar keine mehr, obwohl ich kein Lefax mehr verabreiche (ist es die Wärme Bauch an Bauch, die ständige Mitbewegung durch meine Bewegung, das nicht mehr Schreien und Luftschlucken, oder was?), er schreit nur noch ganz kurz wenn er z.B. Hunger anzeigt. Ich war so erleichtert! Er schläft seitdem viel besser, meistens schläft er mit der Brust im oder am Mund oder kuschelt auf der Brust. Er trinkt mal nach 30 min, mal nach 2 Stunden wieder; mal trinkt er kurz, mal sehr lang, das ist alles total unterschiedlich – frei nach Laune wohl…

An dem Tag, an dem ich mit der neuen Methode begonnen habe, habe ich mich durch das Internet gewühlt und nach alternativen Informationen zu Schreibabys gesucht. Ich stieß auf diese Seite und fühlte mich angenehm in dem bestätigt, was ich fühlte und neu machte. Die Hebamme hat nicht wirklich Verständnis dafür, sie kennt nur die üblichen Stillabstände, Konflikt zwischen neuer und alter Milch im Bauch des Kindes, dass man das Kind nicht zu sehr verwöhnen solle und mehr auf sich achten soll. Sie muss natürlich akzeptieren, was ich tue, denn ich lasse mich da nicht beirren. Es ist natürlich unendlich anstrengend, ihn den ganzen Tag zu tragen, zu wiegen, zu wippen, und alles stehen und liegen zu lassen wenn er anfängt zu quaken. Oft bin ich morgens so kaputt, obwohl wir lange geschlafen haben, dass ich kaum hochkomme. Ich bin jetzt schon fast wieder bei meinem Ausgangsgewicht angelangt, so anstrengend ist das.

Nicht schreien lassen

Oberstes Prinzip ist: das Schreien sofort unterbinden, denn wenn er sich erst “eingeschrien” hat, ist es noch schwerer, ihn zu beruhigen. Ich muss ihm grundsätzlich Einschlafhilfe geben: per Kuscheln und Stillen oder per Wiegen im Arm. Es gibt nachwievor schlechte Tage, aber ich denke jeder hat mal schlechte Tage/Laune? Wenn er heftig oder länger schreit, bekomme ich immer noch das Gefühl des Versagens und des Abgelehntwerdens, ich werde dann immer noch aggressiv und irgendwas fliegt durchs Zimmer, aber das ist alles so verschwindend gering geworden! Dennoch habe ich grundsätzlich ein ganz schlechtes Gewissen, wenn ich wieder so wütend wurde, aber ich kann das nur selten unterdrücken.

Besuch empfangen wir noch nicht wirklich, wir möchten ihm Unruhe, andere Gerüche oder Ähnliches vorerst ersparen. Außerdem haben wir kaum genug Aufmerksamkeit für unseren Besuch über – das Betüddeln des Kindes ist recht aufwändig. Er kommt auch bei keinem anderen als bei uns beiden auf den Arm, da sind wir auch den Großeltern unerbittlich gegenüber, denen wir einen Kurzbesuch kürzlich gestattet haben. Allgemein bekommen wir öfter komische Kommentare: woher weißt Du, dass er ein Schreibaby ist? Er schreit bestimmt, weil Du ihn ständig trägst. Du verwöhnst ihn. Denk doch mal an Deine Bedürfnisse  und so weiter – aber das ist mir alles egal.

Eine gute Freundin von mir sagte: “der Mensch an sich ist das einzige Lebewesen, das meint, die Signale seines Nachwuchses ignorieren zu können … Ich finde, Mutter Natur hat sich bei dem Konzept schon was gedacht”. Ja, da sollte jeder mal drüber nachdenken. Für mich ist völlig klar: Bedürfnisse werden angezeigt und müssen bedient werden. Ganz einfach.

Wenn er Entwicklungschübe hat (2 hat er jetzt hinter sich), ist es noch viel anstrengender. Da ist er extrem quengelig, das zehrt an den kaum noch vorhandenen Kräften und lässt uns beide ziemlich verzweifeln. Aber irgendwie wird man mit der Zeit immer etwas stärker.

Er ist inzwischen ein glückliches, lustiges Kind, das viel lacht und quatscht und quietscht.