Erfahrungsbericht Anja

Im Oktober 2007 keimte sehr stark der Wunsch nach einem Kind in mir auf. Ich hatte alles … Mann, Haus, Job und wir lieben uns. Nachdem mein Mann beschloss, dass wir im März ‘08 loslegen, wurde das auch gleich ein Volltreffer. Am Ostermontag hielt ich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Ich war überglücklich, nachdem ich doch Bekannte hatte, welche Jahre dafür üben mussten. Leider war die Schwangerschaft bis zur 18. SSW nicht gerade schön. Ich musste fast 6 Wochen im Liegen verbringen, davon eine im Krankenhaus, weil ich immer wieder Blutungen hatte. In der 20. SSW wurde mir dann gesagt, dass ich keine Plazente previera (Tief sitzende Plazenta) mehr hätte.  Mann, war ich froh. War doch jeder Gang zur Toilette mit großer Angst verbunden.

Wie es anfing…

Warum ich das schreibe?? Man sagt eine komplizierte Schwangerschaft, kann ein Auslöser für ein Schreikind sein. Ob das schwierig war oder nicht, muss jeder selbst entscheiden, für mich war es die Hölle immer wieder zu hören, dass der Zwerg noch nicht überlebensfähig sei.

Es gibt aber auch eine andere Theorie und zwar die Familiengeschichte. Was das heißen soll? Mein Sohn ist in 4. Generation Schreikind. Sein Uropa, sein Opa und sein Vater waren alle Schreikinder, man bemerke, nur die männlichen Nachkommen. Und wie es sich mein Mann gewünscht hat, haben wir zu dem Termin, an dem wir erfahren haben, dass wir uns ab nun keine Sorgen mehr machen müssten, die glückliche Nachricht erhalten, einen Sohn zu bekommen. Die Ammenmärchen, von wegen “Du wirst schon sehen” von meiner Schwiegermutter, habe ich als lächerlich abgetan. Immerhin stecken ja auch meine Gene in unserem Kind. Clemens war allerdings schon im Bauch ein absoluter Rabauke, ganz ehrlich, insgeheim hatte ich immer Angst! Aber ich glaubte an meine Gene.

Als er dann endlich da war, nach 13 Stunden Geburt und 5 Stunden im Becken festsitzend, war ich total glücklich. Ich konnte kaum glauben, dass ich nun Mama war. In der ersten Nacht, habe ich meinen Mann um 4 Uhr munter gemacht und ihn gebeten ganz schnell das Licht anzumachen, mit den Worten: “Mach das Licht an, ich glaub er atmet nicht mehr.”

Schrecklichste Nacht im Leben….

Die erste Nacht zu Hause war die schrecklichste in meinem Leben. Unser Sohn hat 9h durchgebrüllt. Ich selbst noch total fertig von der Geburt, heulte wie ein Schlosshund. Ich war der festen Überzeugung, dass mich mein Mann morgen verlassen würde, immerhin war das ja meine Schnapsidee mit dem Kind gewesen :o) Clemens hatte keine Stimme mehr, weiße aufgeplatzte Lippen und hatte sich fiebrig geschrien.

Nach 3 Wochen fragte ich meinen Mann, ob er meint, dass das nicht normal ist, wenn der Kleine die Augen aufmacht und weint? Obwohl er alles hatte. Er meinte, Babys weinen nun mal. Meine Hebamme meinte, alle Kinder wären so.

Nach 5 Wochen habe ich meine Hebamme gefragt, ob es normal sei, dass ein Baby nicht allein schlafen kann, immer wieder hochschreckt und überprüft ob die Mama noch da liegt. Was abends so sehr schreit, dass es keine Luft mehr bekommt. Sie meinte, es sei bei allen Babys so.

Nach 6 Wochen fragte ich meine Kinderärztin, ob es normal sei, wenn der Kleine immer weint, wenn er munter ist. Sie meinte er hätte Blähungen und müsse einfach lernen sich selbst zu beruhigen. Ich soll nicht gleich springen. Als ich ihr sagte, dass er keine Luft bekommt, wenn ich ihn mal schreien lasse, dachte sie sicher ich bin einfach eine Gluckenmama.

Schreiendes Baby normal?

Nach 9 Wochen war meine Hebamme zur Behandlung eines schmerzhaften Milchstaus da. Unser Sohn schrie da schon den 5. Tag in Folge. Es ging mir noch einiger Maßen gut, würde ich sagen. Ich heulte zwar jeden Abend mit, aber es ging. Ich fragte sie, ob das normal sei? Sie meinte, alle Babys haben zur Zeit diese Phase. Nachdem ich akupunktiert wurde, nahm Sie Clemens und ging durchs Haus. Er war ruhig – Wahnsinn! Sie schauten sich das Aquarium an und den Rest vom Haus. Dann plötzlich fing er an zu schreien – wie am Spieß. Meine Hebamme sah recht ratlos aus. Sie machte das gleiche wie ich. Ganz fest an sich drücken und Nähe geben, damit er sich nicht wieder hochschaukeln kann. Sie bestätigte mir, was ich schon vorher bemerkt habe. Er konnte einfach nicht abschalten. Alles wurde aufgesaugt, jede noch so winzige Neuigkeit und dann war der Topf voll und nix passte mehr rein. So wie wenn das Wasser anfängt zu kochen und Blasen schlägt und dann plötzlich überkocht. Sie gab uns diverse Globulli – sie halfen nix. (Bachblüten Beruhigungstropfen übrigens auch nicht, auch nicht die Beruhigungszäpfchen meiner Kinderärztin)

Körperlich am Ende

Nach 10 Wochen, Clemens schrie nun den 11. Tag in Folge jede Minute. Ich hatte Kopfschmerzen, war einfach kaputt. Mein Mann war lange auf Arbeit. Nix half. Ich hätte ihn am liebsten an die Wand geworfen. Meine Schwester rief mich an, ich bekam kaum Luft, so sehr musste ich weinen. Das war das erste Mal, dass ich mein Kind für 5 Minuten allein ließ. Mir brach es das Herz, aber gleichzeitig hatte ich gerade einfach keine Kraft ihn weiter zu beruhigen. Sie half mir sehr in diesem Moment, der wirklich der hilfloseste war, den ich bisher in meinem Leben hatte. Dennoch haben mir diese 5 Minuten soviel Kraft gegeben, dass ich die nächste Zeit besser mit dem Schreien klar kam. Ich fühlte mich dennoch schlecht, als ich abends im Bett lag und Clemens im Traum immer schluchzte. Ich dachte ich sei eine Rabenmutter und es brach mir schon wieder das Herz.

Erste Besserung

Wenige Tage später änderte sich etwas, was mir auch Kraft gab. Clemens schaffte es 30 – 60 Minuten ein zufriedenes Kind zu sein. Ich änderte mich jedoch auch. Ich fing an zu akzeptieren, dass wir nicht ein 08/15 Kind haben, sondern er halt so ist wie er ist. Er schreit halt viel und wenn er es nicht raus lassen würde, müsste er platzen. Ganz ehrlich, uns Erwachsenen geht es doch auch so, dass wir uns alles von der Seele reden müssen, Clemens macht das eben ein bisschen lauter und mit mehr Energie. Gut nicht jeder Tag ist wie der andere und ich habe immer noch schlechte Tage, wo ich am liebsten ganz wo anders wäre. Aber ich versuche mir immer zu sagen, er kann nicht anders. Es muss einfach raus. Es geht nicht gegen mich oder meinen Mann.

Ich versuchte nun auch bestimmte Dinge einzuhalten. Sobald ich merkte, dass die Stimmung kippen könnte, sofort hoch nehmen und in meine Bauchtrage. Da konnte er auch noch ein bisschen gucken und schlief irgendwann ein. Abends versuchte ich nicht mehr krampfhaft einen 20:15 Uhr Film zu sehen und das Kind dabei zu schunkeln. Gut ich gebe zu, ich wollte das gern, mehr als gern. Aber ich ging nun mit meinem Kind ins Bett. Da er nur an der Brust einschlief, stillte ich ihn in den Schlaf. Manchmal dauerte das bis zu 2 Stunden. Sobald die Brust raus fiel, wurde er munter und schrie. Ich habe auch hier viel versucht. Habe ihn quengeln/weinen/schreien lassen. (hatte ihn immer fest im Arm und versuchte gut zu zureden) Versuchte es mit dem Nuckel. Nix half. Wer ein Schreikind hat, weiß dass die Ausdauer haben und es schlimmer wird und nicht besser. Also stillte ich ihn, lag unbequem und stand nicht mehr auf, wenn er schläft, da Clemens immer wieder guckt ob ich noch da bin. Ob bewusst oder unbewusst, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall scheint er einen siebten Sinn dafür zu haben und es dauert keine 5 Minuten und er erwacht sofort und weint.

Abschließend muss ich sagen, versuche ich das ganze nicht als Last, sondern als Herausforderung zu sehen. Es klappt nicht immer und auch mein Mann und ich können mit schreiendem Kind nicht immer leise bleiben. Ich zähle nun nicht mehr energisch die Tage das es besser wird. Er ist heute 12 Wochen alt und alle haben gesagt es wird besser, wenn die 12 Wochen vorbei sind. Ich denke, auch hier werden wir die Norm sprengen. Wir werden weiter nach einem Orthopäden suchen, der sich den kleinen doch mal anschauen mag und gehen nächste Woche zu einer 2. Ostheopathin und werden uns einerseits freuen, wenn sie sagt: “Glückwunsch ihr Kind ist gesund.” Wir werden uns nichts vorwerfen können, da wir alles probiert haben.