Das Schreien Deines Babys

Lass es doch mal ausschreien…

Irgendwann kommt er immer, dieser Ratschlag. Er scheint einfach nicht verkneifbar zu sein. Schade, denn wirklich weiterhelfen tut er nicht (Zumindest nicht, wenn wir nicht grad wieder versuchen ein Volk folgsamer Soldaten zu erziehen). Der Hilfeschrei eines Babys ist nicht dazu da ignoriert zu werden und die Mutter selbst ist auch gar nicht dafür geschaffen, ihr Baby schreien zu lassen. Wenn sie es doch versucht, wird ihr Herz schneller schlagen, sie in Schweiß ausbrechen und jeglicher Gedanke würde sich um das Kind drehen.

Da ein Baby sich noch nicht mittels Worten verständigen kann, muss es eben schreien, wenn es etwas nicht braucht. Und wir Eltern können lernen, einige Anzeichen zu erkennen um herauszufinden was genau es jetzt braucht.

Babygeschrei als Signal

Das Schreien eines Babys gehört zu den für das menschliche Gehör lautesten Geräuschen überhaupt. Er wurde biologisch so konstruiert, dass er eigentlich überhaupt nicht ignoriert werden kann. Ein Neugeborenes, ein noch ganz instinkt – und reflexgesteuertes Wesen, schreit um zu Überleben. Es weiß noch nicht, dass Mama denkt, er dürfe nur alle 2 Stunden Hunger haben und er ist auch noch nie auf die Idee gekommen jemanden manipulieren zu wollen, obwohl ihm das sicher bald unterstellt werden wird.

Alles was Baby weiß: Es hat Hunger/Schmerzen/volle Windeln. Dies löst in ihm einen Schrei-Reflex aus. Automatisch. Selbst wenn es also gar nicht unbedingt schreien wollte, wird es das tun. Ganz einfach, weil es biologisch so programmiert wurde.

Der Schrei eines Babys erfordert eine Reaktion. Als Mutter hat man die Wahl es zu ignorieren oder darauf einzugehen.

Möglichkeit 1: Das Schreien ignorieren

Ein eher ruhiges Baby wird bald aufgeben. Es wird nach wiederholtem unbeantwortetem Schreien schlussfolgern, dass es das nicht wert ist. Dass es selbst nichts wert ist. Es wird langsam die Motivation mit seinen Eltern kommunizieren zu wollen verlieren und die Eltern selbst berauben sich der Möglichkeit ihr Kind auf diesem Wege besser kennen zu lernen. Es gibt also keinen Gewinner in dieser Situation.

Ein willensstarkes Baby kommt erst gar nicht auf die Idee aufzugeben. Es ist in Not und will erhört werden. Natürlich könnten Mütter auch hier Mittel und Wege finden es zu ignorieren, es ist aber weitaus schwieriger. Viele möchten abwarten, um dem Baby zu zeigen, wer hier die Macht hat und ja, damit erreichen sie vielleicht auch genau das. Aber das ist nichts, was ihr Baby nicht schon vorher wusste. Sie sprechen ihm aber außerdem die Möglichkeit zur Kommunikation ab und verleiten es dazu, sich “falsch” zu fühlen. Wenn Mama ihr Baby nur kurz hochnimmt, es aber sofort wieder hinlegt, “weil es noch nicht Zeit zum Füttern ist”, dann kann das dazu führen, dass das Baby anfängt seine eigenen Empfindungen in Frage zu stellen. “Vielleicht hat Mama recht, vielleicht bin ich wirklich nicht hungrig.” Genau das kann ihm später zum Verhängnis werden.

Möglichkeit 2: Prompt reagieren beim schreien

Ein schnelles Reagieren kommt sowohl Baby als auch Mama zu Gute. Das Baby weiß, dass seine Bedürfnisse erhört und erfüllt werden und muss beim nächsten Mal weniger schreien. Die Mutter lernt bei jedem gestillten Bedürfnis ihr Kind besser kennen und kann beim nächsten Mal sogar noch besser reagieren bzw vorbeugen. Irgendwann sind die beiden ein so eingespieltes Team, dass Schreien überflüssig wird.

Schreien ist gut für die Lunge?

Eines der lächerlichsten Ammenmärchen ist immer noch die Behauptung, das Schreien sei gut für die Lunge. Ganz im Gegenteil leidet sogar die Gesundheit.

Untersuchungen haben schon in den 70er Jahren gezeigt, dass die Herzfrequenz von Babys, die man schreien ließ, beunruhigende Höhen erreichen und dass sich der Sauerstoffgehalt im Blut verringert. Weniger Sauerstoff im Blut wiederum zieht eine mangelnde Versorgung des Gehirns nach sich. Um es drastisch zu formulieren: Schreien lassen macht dumm.

Werden die Babys im Folgenden beruhigt, sinken auch schnell die besorgniserregenden Werte auf ihr ursprüngliches Niveau. Geschieht dies nicht, verbleiben die Kleinen in einem Stresszustand.

Erfahrungsbericht einer Leserin

______________________________________________________________

Als unser erstes Baby geboren wurde, ließen wir uns zunächst ganz auf unsere Tochter ein.  Sie wurde ständig getragen, nach Bedarf gestillt, schlief mit bei uns im Bett und wir versuchten auf ihr Weinen prompt zu reagieren. Dieser Weg hat für uns eigentlich gut funktioniert und unsere Tochter wuchs und gedieh.

Bald wurde uns aber von Freunden und Bekannten angeraten, sie nicht weiterhin zu verwöhnen sonst würde sie zu einem abhängigen und anhänglichen Kind werden. Das wollten wir natürlich nicht und begannen so, die Mahlzeiten unserer Tochter zu planen, sie wenig zu tragen und sich in den Schlaf weinen lassen.

Unsere Tochter fing an sich zurückzuziehen. Sie hörte auf an Gewicht zuzunehmen.

Nach zwei Monaten ohne Gewichtszunahme konsultierten wir einen Kinderarzt, der schon viele Schreibabys behandelt hatte. Er gab uns den Rat unseren eigenen Weg wiederzufinden, und unserem Kind soviel Nähe erlauben, wie wir es selbst möchten.

Einen Monat nach unserer Rückkehr zu unserem anfänglichen Erziehungsstil befand sich unsere Tochter wieder ganz oben in ihrer Wachstumskurve.


Baby schreien lassen oder nicht?

Als junge Mutter gibt es immer Bereiche, in denen man sich unsicher fühlt und man nicht weiter weiß. Aber selbst wenn dies nicht der Fall ist, kommen von überallher gutgemeinte Ratschläge. Einer derer, der den größten Schaden anrichten kann, ist der “das Baby doch endlich mal ausschreien zu lassen. Es muss doch endlich (!) lernen alleine klar zu kommen.”

Dazu muss erwähnt werden, dass die menschliche Spezies Nachkommen auf die Welt bringt, die weit davon entfernt sind auf sich gestellt überlebensfähig zu sein. Sie benötigen die nächsten 18 Jahre unsere Hilfe als Eltern. Warum sollte also ein frisch geborener Säugling schon in der Lage sein, so lange und fest zu schlafen wie ein Erwachsener? Und am besten noch in seinem eigenen Zimmer. Warum dann nicht gleich in seinem eigenen Haus? Er muss ja schließlich auch irgendwann mal ohne Mamas Rockzipfel auskommen…

Baby schreien lassen ist falsch

Die Grundlage für den Ratschlag des Ausschreiens ist folgende: Unerwünschtes Verhalten (Schreien) wird vermindert, indem nicht darauf eingegangen wird. Das macht zunächst Sinn, hat aber folgende Fehlannahmen: Erstens, der Schrei wird nicht als Mittel zur Kommunikation verstanden sondern als böswilliges, störendes Verhalten. Zweitens, man geht davon aus, dass die Sache abgehakt ist, sobald das Kind verstanden hat, dass auf seine Signale keiner eingeht. Mit ungestillten Grundbedürfnissen aber bleibt ein Kind immer hinter seinen eigentlichen Möglichkeiten zurück.

Beziehung kann geschädigt werden

Während mit eher ruhigen Babys noch “Erfolge” verbucht werden können in Sachen “Jedes Kind kann schlafen lernen”, so ist das Baby vom Typ Schreibaby nicht scharf darauf einfach ignoriert zu werden. Es schreit einfach weiter. Und wenn Mama es dann doch nicht mehr aushält und beide total fertig wieder bei einander sind, dann heißt es meist: “NIE wieder versuche ich das!” Und das ist gut so. Beobachtungen zeigen, dass Kinder die schreien gelassen werden, lernen einfach auf noch viel intensivere Art und Weise zu schreien, was wiederum dazu führt, dass sich die Mütter noch weniger mit ihnen abgeben (wollen). Schade ist nur, dass später wenn die Kinder mit dem Alter eh weniger oft schreien, sich die Mütter trotzdem nicht wieder mehr mit ihrem Kind beschäftigt, weil einfach die Beziehung zum Kind nach dem Schreien lassen dauerhaft geschädigt bleibt. Leider merken das betroffene Mütter nicht, denn sie wissen nicht wie schön das Leben sein kann, wenn man eine tiefe Bindung zum Kind aufgebaut hat.

Mütter sollten Kinder fördern

“Du verwöhnst dein Kind doch total!” Fast jeder, der prompt auf das Weinen seines Kindes eingeht, hat diesen Vorwurf schon mal vernommen. Diesem liegt die Annahme zu Grunde, dass aus diesen Babys weinerliche, anhängliche Geschöpfe werden. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, wie zahlreiche Forschungen ergeben haben. Aus diesen geht hervor, dass Kinder, deren Mütter prompt auf ihr Weinen reagierten, später sehr viel seltener weinen. Diese Kinder entwickeln andere, effektivere Kommunikationsweisen.

“Dein Kind wird nie lernen sich alleine zu beruhigen!” Auch das stimmt nicht. Kinder, auf deren Signale eingengangen worden ist, haben dementsprechend Vertrauen und Gewissheit darin entwickelt, dass es eine Antwort bekommt. Sobald das Baby älter wird, etwa halbjährig, kann es dann schon etwas geduldiger warten.