Wir wandten uns an die Schreiambulanz der Kölner Uniklinik, als unser Sohn etwa vier Wochen alt war. Damals waren wir mit den Nerven komplett am Ende. Unser Sohn war anders als alle anderen Kinder, die wir kannten oder von denen wir gehört hatten. Er schrie ständig, sobald er abgelegt wurde. Er war nur ruhig, wenn er meine Brust im Mund hatte und so hing er nahezu ununterbrochen an der Brust. Niemand anders durfte ihn auf den Arm nehmen, er geriet sofort außer sich. Nur Stillen beruhigte ihn und nur so konnte er einschlafen. Und das konnte ja - wie wir der gängigen Literatur entnommen hatten -nicht richtig sein.
Wir mussten sechs Wochen auf einen Termin bei der Schreiambulanz warten. In dieser Zeit hatte ich von einer älteren alternativen Hebamme das Binden des Tragetuchs (Wickelkreuztrage) gelernt. Unser Sohn verbrachte nun den Tag ausschließlich im Tragetuch, ich konnte tun, was ich wollte, einkaufen, Hausarbeit erledigen, spazieren gehen, der Kleine war immer dabei. Er schrie nicht mehr, er hing vor meinem Bauch und es ging ihm (und uns) gut. Allerdings war da noch die Sache mit dem Einschlafen.. Wir wollten ja alles richtig machen und unserem Sohn keine schlechte Einschlafgewohnheit angewöhnen wie es das Einschlafstillen nach unseren Ratgebern war, also gingen wir zum Termin bei der Schreiambulanz.
Die Ärztin hörte sich unsere Sorgen an und sagte: “Das Einschlafen lernt er nur über das Schreien lassen. Ein Kind von drei Monaten muss sich selbst beruhigen können, und er ist ja fast drei Monate und kann das nicht. Also ist er hinter der Entwicklung zurück. ”
Ansonsten untersuchte sie unseren Sohn kurz (organisch gesund), analysierte unsere Ehe (soweit in Ordnung) , kam nach längerem Überlegen zur Einsicht, dass ich mein Kind nicht ablehne (unser Sohn ist ein Wunschkind, auf das wir acht Jahre lang gewartet haben!) und stellte fest, dass wir, insbesondere aber ich, alles, aber auch wirklich alles falsch machten.
Der Kleine schäft in Ihrem Bett? Das ist zu gefährlich, er kann rausfallen, Sie können ihn erdrücken, das Federbett kann ihn ersticken—- Antwort: Wir haben an jeder Seite ein Bettgitter (die Expertin wusste nicht, dass es sowas gibt), ich trinke keinen Alkohol, rauche nicht, nehme weder Medikamente noch Drogen, bin nicht übergewichtig, der Kleine schläft im Schlafsack und ich unter einer dünnen Steppdecke, ich habe ohnehin einen leichten Schlaf und das Bett ist 1,60 m breit, bietet also genug Platz für Mutter und Baby.
Sie tragen das Kind ständig? Das ist falsch. Das Tragetuch ist gut um ein Kind zu transportieren, aber es darf nicht darin schlafen. Sonst gewöhnt es sich noch an die Nähe und wird nie selbständig. (An dieser Stelle fragte mein Mann, wie selbständig ein 10 Wochen alter Säugling denn sein muss, ob er sich auch jetzt schnell einen Job suchen muss??)
Sie stillen stündlich?? Stillen an und für sich ist gut, aber es muss ein Mindestabstand von zwei Stunden zwischen den Mahlzeiten liegen, sonst kriegt das Kind Verdauungsprobleme. Er muss einfach warten lernen und zwischendurch am Schnuller nuckeln. Was, er nimmt keinen Schnuller? Das muss er lernen! Ich überweise Sie an einen Logopäden, der bringt ihm bei, den Schnuller zu nehmen. Das dauert vielleicht etwas, aber so lernt er es. (Mein Mann fragte, ob der Logopäde den Kindern den Schnuller später auch wieder abgewöhnt und wie lange das dauert).
Die Ärztin wirkte etwas pikiert, als wir ihren Vorschlag, einen Folgetermin zu vereinbaren, ablehnten.
Alles in allem hat mich das “Beratungsgespräch” nur fertig gemacht. Ich weinte, als wir gingen und hielt meine Hände eng um mein Baby im Tragetuch geschlungen, ich hatte das Gefühl, ihn beschützen zu müssen vor diesen “Experten” mit ihrer zwanghaften Ablehnung von engen Mutter-Kind-Bindungen. Wie kann jemand, der so bar jeder Empathie ist, ausgerechnet diesen Job machen, der doch wirklich Einfühlungsvermögen voraussetzt??? Es gibt bestimmt auch Schreiambulanzen, in denen einfühlsamer mit Baby und Eltern umgegangen wird, aber unsere Erfahrung mit der Kölner Uniklinik war schlichtweg traumatisch.
Der Clou: Einige Monate später erhielten wir eine Kopie des Berichts, den die Ärztin der Schreiambulanz an den Kinderarzt geschickt hatte. Darin stand doch tatsächlich, dass sich aufgrund ihrer guten Beratung das Verhalten unseres Sohnes geändert hätte und wir daher keine weitere Unterstützung, sprich Folgetermine gebraucht hätten. Also ein voller Erfolg für die Schreiambulanz. So kann man auch zu positiven Fallzahlen kommen, es ist einfach eine Interpretationssache!
Unser Sohn ist jetzt zweieinhalb und ein echtes 24-Stunden-Kind. Er schläft in meinem Bett und (jawohl!) ich stille ihn zum Einschlafen noch. Wir genießen das Stillen übrigens beide!! Er entwickelt sich super, ist motorisch und sprachlich ungewöhnlich weit, macht fast ununterbrochen Unfug mit seinen kreativen Spielen, aber er kommt mir soviel aufgeweckter vor als viele gleichaltrige Kinder. Er ist glücklich, und wir Eltern sind es auch. Wir sind froh, dass wir unseren Weg gegangen sind und nicht auf die üblichen Ratgeber gehört haben.